Zentralgebäude

Erdfunkstelle Raisting ‒ Zentralgebäude

Die erste Erdfunkstelle Deutschlands für Satellitenfunk wurde in Raisting errichtet und diente von 1963 bis Ende 2005 in erster Linie dem „Öffentlichen“ Fernsprech-, Fernschreib- und Daten­netz sowie den „Öffentlichen Fernsehanstalten“ für die Fernverbindungen von und nach Übersee.

Sie gehörte zu den ersten Teilnehmern des weltweiten Satellitennetzes INTELSAT.

Seit 2006 wird sie von Privatfirmen für verschiedene Telekommunikationsan­wendungen betrieben. Die Erdfunk­stelle Raisting besteht aus dem „Zentralgebäude“ und den verschiedenen Antennen.

Das Zentralgebäude wurde 1963 von der Deutschen Bundespost als Technik-, Schalt- und Betriebszentrale für die Antennen der Erdfunk­stelle Raisting zeitgleich mit dem Aufbau der Antenne 1 (Radom) errichtet. Die geplante Betriebskapazität für zunächst insgesamt 4 Antennen wurde bereits nach wenigen Jahren entsprechend dem zunehmenden Telekommunikationsbedarf erweitert und den Technologieentwicklungen ständig angepasst.

Hauptzweck des Zentralgebäudes:

Hauptaufgabe ist es, die Telekommunikationssignale des Landnetzes an die standardisierten Übertragungskanäle von und zu den Satelliten und den jeweiligen Erdfunkstellen der Partnerländer anzupassen und zu betreiben. Dazu werden möglichst viele Funktionen der Erdfunkstelle gemeinsam/zentral im Zentralgebäude gebündelt. Nur bestimmte, auf den jeweiligen Satellit bezogene Funktionen, wie z. B. Sendeumsetzer und Sendeverstärker sowie rauscharme Empfangsverstärker, werden in der jeweils zugeordneten Antenne erfüllt.

 

Hauptfunktionen des Zentralgebäudes (ZG):

1. Energieaufbereitung und -verteilung.

2

 

Aufteilung und Aufbereitung der land- und satellitenseitigen Verkehrsströme (Verteiler, Codierung,

Modulation; bei TV auch Normwandlung und Speicherung).

3. Fernüberwachung und -steuerung der Antennenanlagen.

4.

 

24-Stunden-Kontrolldienst, Mess-, Schalt-, Entstörungs- und Wartungsdienste, aufgeteilt entsprechend

der Betriebsorganisation nach den Abteilungen Fernmeldetechnik und Maschinen- und Haustechnik.

5. Spezielle Dienstleistungen.
6. Büro- und Personalbereiche.

Funktionsbereiche des Zentralgebäudes:

Zu1: Energiezentrale und -Verteilung

1.1

 

Als wesentliche, umfangreiche Funktionen sind zu nennen: elektrische Anbindung an das öffentliche

Energieversorgungsnetz.

1.2

 

Spannungstransformation und Elektrizitätsverteilung für die verschiedenen Verbraucherbereiche des

Zentralgebäudes und für die einzelnen Antennen.

1.3

 

 

Gleichrichter- und Wechselrichteranlagen in Verbindung mit Bleiakkumulatoren zum Bereitstellen

einer spannungsstabilen und „unterbrechungsfreien Stromversorgung“, insbesondere für die

fernmeldetechnischen Einrichtungen als auch für die Überwachungsanlagen.

1.4 Diesel-Notstromversorgungen, um längere Ausfälle des öffentlichen Versorgungsnetzes zu überbrücken.
1.5 Zentrale Heizungsanlage für das Zentralgebäude als auch für die Fernbeheizung des Radoms.

Zu 2: Aufbereitung und Verteilung der Signale der Verkehrsströme

Hierzu waren bzw. sind verschiedene Betriebsbereiche eingerichtet:

2.1 Landseitige Übertragungstechnik (TF-Verstärkerstelle).
2.2 Satellitenseitige Übertragungstechnik (Zentraler Übertragungsraum ÜZ).
2.3 Fernseh- und Tontechnik (TV-Schaltstelle).
2.4 Internetdienste (Serverraum seit ca. 2006).

Zu 2.1: „Landnetzseitige“ Übertragungstechnik

Die Anbindung der Erdfunkstelle an das deutsche Landnetz (d. h. an die Ausland-Vermittlungszentrale als auch an die Schaltzentrale der Fernsehanstalten) geschah mittels terrestrischem Richtfunk (deshalb der Richtfunkturm in etwa 1 km Entfernung vom Zentralgebäude). Seit etwa dem Jahr 2000 erfolgt die Anbindung jedoch auch über Glasfaserkabel.

In der sogenannten TF-Verstärkerstelle werden die Telekommunikationssignale des Landnetzes entsprechend den satellitenseitigen Verkehrsbedingungen sowie Gegenstellen neu gruppiert. Mittels Draht- oder Koaxialkabel erfolgt die Anbindung an den Zentralen Übertragungsraum (ÜZ) bzw. an die TV-Schaltstelle zur weiteren Aufbereitung. Seit der „ausschließlichen“ Digitalisierung der Telekommunikationsnetze auch die Anbindung an die Server-Einrichtungen vor Ort.

Zu 2.2: „Satellitenseitige“ Übertragungstechnik

Im Zentralen Übertragungsraum ÜZ erfolgt eine weitere Aufbereitung der Verkehrs­bündel mittels Codierung und Modulation in Senderichtung und des selektiven Empfangs, der Demodulation und Decodierung in Empfangsrichtung.
Die Verbindungen der einzelnen Modulatoren bzw. Modems zu den jeweiligen Sendewegen in den Antennen erfolgte (in sogenannter Zwischenfrequenz 70 bzw. 140 MHz) relativ flexibel mittels Koaxialkabel; ab 2006 mittels Glasfaserkabel.
Empfangsseitig wurde die radiofrequente Verbindung (4 GHz) vom rauscharmen Empfangsverstärker in den Antennen zum jeweiligen (breitbandigen) Empfangsver­teiler im ÜZ-Raum starr mittels Hohlleiter realisiert.
Auch hier bedingten der ständige Technologiewandel und neue Anwendungen die Anpassungen der entsprechenden Technik-/Schaltkonzepte, wie z. B. auch der Einsatz von breitbandigen Glasfaserkabel ab 2006.
Das betrifft insbesondere den Übergang von analoger zur digitalen Übertragungs-technik ab den 80er Jahren, wobei analoge Übertragungen weiterhin bestanden.

Zu 2.3: Fernseh- und Tontechnik

In der sogenannten TV-Schaltstelle (bis 2006) wurden die „ankommenden“ und „abgehenden“ Ton- und Fernsehsignale sowohl von der Satellitenseite als auch von der Landnetzseite kontrolliert, bedarfsweise normgewandelt (PAL, NTSC, SECAM) und/oder mit Magnetaufzeichnungsmaschinen (MAZ) gespeichert, und zur vereinbarten Zeit frei- bzw. abgeschaltet.
Dazu war eine Koordinierung mit den entsprechenden Gegenstellen, dem INTELSAT-Satelliten-Betriebszentrum in Washington als auch mit dem „Zentralen Kontrolldienst“ Raisting erforderlich.
Die Anlagen zur Normwandlung und vielseitigen Speicherung von Videoanwendun­gen wurden außerdem auch für entsprechende Dienstleistungen für die Öffentlichkeit genutzt.

Zu 2.3: Fernseh- und Tontechnik

In der sogenannten TV-Schaltstelle (bis 2006) wurden die „ankommenden“ und „abgehenden“ Ton- und Fernsehsignale sowohl von der Satellitenseite als auch von der Landnetzseite kontrolliert, bedarfsweise normgewandelt (PAL, NTSC, SECAM) und/oder mit Magnetaufzeichnungsmaschinen (MAZ) gespeichert, und zur vereinbarten Zeit frei- bzw. abgeschaltet.
Dazu war eine Koordinierung mit den entsprechenden Gegenstellen, dem INTELSAT-Satelliten-Betriebszentrum in Washington als auch mit dem „Zentralen Kontrolldienst“ Raisting erforderlich.
Die Anlagen zur Normwandlung und vielseitigen Speicherung von Videoanwendun­gen wurden außerdem auch für entsprechende Dienstleistungen für die Öffentlichkeit genutzt.

Zu 2.4: Internetdienste

Diese Internetprotokollbasierten Telekommunikationsdienste seit 2005 sind z. T. spezielle Kundenanwendungen wie z. B. für Mobilfunk.
Nähere Angaben und Angebote können vom aktuellen Betreiber der Erdfunkstelle Raisting bezogen werden.

Zu 3: Fern-Überwachung und -Steuerung der Antennenanlagen

Im „Zentralen Kontrollraum“ wurden die wichtigsten Zustands- und Alarmanzeigen und -meldungen der Antennenanlagen und relevanten Einrichtungen im Zentral­gebäude zusammengeführt.
Außerdem ermöglichte die Fernbedienung von hier aus die Steuerung und Umschaltung von Anlagen und Signalwegen in den Antennen.
In den Anfangsjahren wurden die entsprechenden Überwachungs- und Steuereinheiten für diesen Zweck weitgehend „gedoppelt“, waren in Antennen-zugeordneten Kontrollgestellen im zentralen Kontrollraum untergebracht und 1 zu 1 mittels Kabel miteinander verbunden.
Ab 1980/81, mit dem Aufbau der Antennen 4 und 5 sowie der Erweiterung der Antenne 2, fand die mikroprozessorgesteuerte Überwachungstechnik (nur) für diese neuen Anlagen Anwendung und ermöglichte mittels Monitoren und Druckern auch die zeitgenaue Ereignisanzeige und Registrierung.
Die Fortschritte in Prozessrechner-, Steuerungs- und Busverbindungstechniken führten ab 1995 zu einem kompletten Umbau der Überwachungs- und Steuertechnik.

Zu 4: Kontroll-, Mess-, Schalt-, Entstörungs- und Wartungsdienste

Den verschiedenen Betriebsdiensten, aufgeteilt entsprechend der Betriebsorgani­sation nach den Abteilungen Satellitenfunk- und Fernmeldetechnik sowie Maschinen- und Haustechnik, waren entsprechende Kontroll- bzw. Betriebsbereiche zugeteilt.
Im „Zentralen Kontrollraum“, auch „Zentrale Warte“ genannt, liefen, abgesehen von den „speziellen Dienstleistungen“, alle wichtigen Informationen und Maßnahmen zur Abwicklung des Verkehrsgeschehens zusammen. Dem 24-Kontrolldienst-Schichtpersonal standen für die Überwachungs-, Steuerungs- und Entstörungsmaß­nahmen als auch den Kontakt- und Koordinierungsaufgaben vielfältige Einrichtungen im Kontrollraum zur Verfügung. So ermöglichte z. B. das satellitenfunkseitige Dienstleitungsnetz über eine eigene Vermittlungseinrichtung (anfangs mit Stöpselschrank) für Telefonie und Fernschreiben sowohl direkte Kontakte mit den Gegenstellen in aller Welt als auch mit dem INTELSAT-Satellitenkontrollzentrum in Washington/USA.

 Zu 5: Spezielle Dienstleistungen

Ab 1985, mit Einführung der digitalen Time Division Multiple Access (TDMA)-Übertragungstechnik, bekam die Erdfunkstelle Raisting Referenz-, Überwachungs- und Steuerfunktionen namens TDMA Reference and Monitoring Station (TRMS) im INTELSAT-Satellitenfunknetz zugewiesen. Dazu wurden weitgehend eigenständige Bereiche eingerichtet.
Bei dieser Übertragungsart im sog. Zeitmultiplex senden die einzelnen Erdfunkstellen zeitlich nacheinander in einem Zeitrahmen von z. B. 0,5 s ihre Datenpakete auf der gleichen Frequenz. Der Vorteil ist die Nutzung der maximalen Sendeleistung eines Satelliten. Übrigens wird ein Großteil der Mobilfunkübertragung heute in diesem Zeitmultiplexverfahren abgewickelt.
Eine weitere Steuerungsfunktion im Auftrag von INTELSAT übernahm die Erdfunkstelle im Jahr 1990. Dabei galt es, Telemetrie- und Telekommandosignale von und zu den INTELSAT-Satelliten zu übertragen und die Sendesignale der einzelnen Erdfunkstellen auf Einhaltung von Frequenz und Leistung zu überwachen (TTC&M). Das erforderte die Umrüstung bzw. den Neubau eigens zugeordneter zusätzlicher Antennen.
Für beide Dienste wurde ein eigener Rund-um-die-Uhr-Schichtbetrieb vorgehalten.
Auch die mit der Antenne 6 realisierten Projekte bzw. Dienste wie SYMPHONIE oder INMARSAT wurden weitgehend autark in den Betriebsräumen der Antenne 6 abgewickelt.

Zu 6: Büro- und Personalbereiche

Neben dem sogenannten Bürotrakt mit verschiedenen Büros, einem Küchen-/ Pausenraum und einem Besprechungs-/ Schulungsraum waren für das Personal weitere Aufenthaltsbereiche in Betriebsräumen sowie Werkstätten eingerichtet. Da die Anlage zu Zeiten des „Kalten Krieges“ errichtet wurde, waren auch ABC-sichere Schutzräume für das Personal vorgesehen.

Quellen und weitere Literatur:

  • Anatomie einer Erdefunkstelle, Robert Uhlitzsch, Suhrkamp Verlag, suhrkamp wissen, Mai 1969
  • Der programmierte Himmel, Deutsche Bundespost, 1972 und1981
  • telecom report, Sonderheft „Nachrichtenübertragung auf Funkwegen“, Siemens, 1986
  • Jubiläumsschrift: 50 Jahre Satellitenfunk über die Erdfunkstelle Raisting, Förderverein Industriedenkmal Radom Raisting e. V., 2015