Das Radom als Labor

Als weltweit einzige Antenne dieser frühen Phase der Satelliten­kommu­ni­kation ist die Antenne im Radom Raisting betriebsfähig. Studierende der Technischen Uni­versi­tät München und Mitglieder des Fördervereins Radom Raisting haben gemeinsam die Technik überholt und wieder in Stand gesetzt. Stets im Respekt vor der Eigenschaft der Antenne als Indus­trie­denkmal wurde auch die Möglichkeit geschaffen, die Antenne mit moderner PC-Technik anzu­steuern. Die Antenne wurde bereits während einer Mess­kampagne des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt genutzt.

Diese Zusammenarbeit begann, als eine Gruppe von Studierenden der TU München eine große ungenutzte Bodenstationsantenne für ihre Teilnahme an der Satellitenmission "European Student Moon Orbiter" (ESMO) der Europäischen Raumfahrtorgansiation ESA suchte. Diese Mission hatte zum Ziel, Studierenden an ausgewählten Universitäten aus den ESA-Mitgliedsstaaten die Teilnahme an einer real stattfindenden Raumfahrtmission zu ermöglichen. Das Münchner Team war dabei für das Bodensegment zuständig - also für jene Infrastruktur am Boden, die nötig ist, um den Satelliten im Weltall betreiben zu können, darunter auch die Bodenstationsantenne zur Kommunikation mit dem Satelliten.


Die Antenne im Radom war zu dieser Zeit nur in einem Notbetriebsmodus bewegbar. Die gemeinsamen Arbeiten von Förderverein und TU München an der Wiederinbetriebnahme begannen mit einer gründlichen Reinigung der Mechanik und einer Durchsicht der vorhandenen technischen Dokumentation. Es stellte sich heraus, dass dank der Archivarbeit des Fördervereins die relevante Dokumentation (Schaltpläne, Verdrahtungspläne usw.) vollständig erhalten ist. In zeitaufwändiger Detailarbeit wurden die Defekte in der Antennesteuerung bis auf einzelne defekte Bauelemente lokalisiert und behoben. Im Jahre 2010 war ein Stand erreicht, der es ermöglichte, die Antenne wieder im regulären Betriebsmodus mit der historischen Technik zu bewegen.

Im folgenden Jahr wurde die nun wieder funktionsfähige Antenne um die Möglichkeit erweitert, sie mit zeitgemäßer PC-Technik anzusteuern. Das ist nötig, weil die Antennenachsen präzise dem Flug eines Satelliten über den Himmel folgen müssen. Diese PC-Schnittstelle wurde mit Rücksicht auf die Eigenschaft der Antenne als Industriedenkmal so ausgeführt, dass nur bereits vorhandene Eingriffsmöglichkeiten in die Steuerung genutzt wurden. Änderungen der vorhandenen, denkmalgeschützten Technik fanden nicht statt. Es wurde in diesem Rahmen auch eine Software zur Satellitenbahn-Berechnung entwickelt, die speziell auf die Erfordernisse im Radom Raisting zugeschnitten ist.

   
In mühevoller Detailarbeit wurden die Defekte an der Steuerung der Antenne gesucht.
  Schließlich leuchtete zum ersten Mal nach jahrzente­langem Stillstand wieder die Mel­dung der Antenne 'Prozess­rechner bereit'.   Es wurde eine Schnitt­stelle ent­wickelt (hier ein Test-Prototyp), um die Antenne mit zeit­gemäßer Technik ansteuern zu können.

Damit war ein Zustand erreicht, der einen neuen Einsatz der Antenne möglich machte. Es ergab sich, dass zu etwa derselben Zeit der Start des Satelliten "Glonass-K1" geplant wurde. Dabei handelt es sich um einen Satelliten des Glonass-Satellitennavigationssystems, der ein für dieses System neuartiges Navigationssignal sendet, das sogenannte "L3-Signal". Das Institut für Kommunikation und Navigation des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt nahm die Möglichkeit war, mit der Antenne im Radom Raisting das Navigations-Signal dieses Satelliten zu vermesen. Dazu waren kleinere hochfrequenztechnische Anpassungen an der Antenne nötig, die wiederum im Einklang mit den Einschränkungen des Denkmalschutzes implementiert worden sind. Außerdem wurde in Vorbereitung auf diese Messkampagne ein kompletter Ölwechsel an den Getrieben durch DLR und TU München durchgeführt - es galt, rund 1200 Liter Schmieröl an teils schwer zugänglichen Stellen der Antenne auszutauschen!

Nach der jahrzehntelangen Stillstandsphase empfing dann am 12. April 2011 die Antenne im Radom Raisting erstmals wieder Nutzsignale von einem Satelliten. Die Antenne wurde dadurch neben ihren Rollen als Denkmal und als Museum auch zum zeitgemäßen Labor. Die erste wissenschaftliche Veröffentlichung stand unter dem Titel "German Space Agency Records Spectrum of New GLONASS L3 Signal" (GPS World, Volume 22, Number 5, May 2011).